Dorstener Geschichte - Station 37: Stadtbefestigung

Entstehungsgeschichte: Politisch prägend war für das Rheinland wie auch für Westfalen im 13. Jahrhundert das Streben der Landesherren, ihren ursprünglichen Personenverbandsstaat in einen Territorialstaat umzubilden. Basierte die Macht der Landesherren zuvor alleine auf den ihnen persönlich übertragenen und in der Folge auf ihre Untertanen weiterverliehenen Rechten und Pflichten, so gewann die Ein- und Abgrenzung ganzer Macht- und Einflussgebiete eine neue, dominierende Bedeutung.

Rechte und Privilegien eines Landesherrn konnten bis dahin in unterschiedlichster Weise weit verstreut vorliegen. Mit der Ausbildung eines eigenen Territoriums konnte in der Folge Macht konzentrierter und zentralisierter ausgeübt werden als zuvor.

Vor diesem Hintergrund stehen die zahlreichen Stadtrechtsverleihungen des 13. und 14. Jahrhunderts in dieser Region. Im Sinne des Personenverbandes stattete der Landesherr seine Untertanen in aufstrebenden Siedlungen mit besonderen Privilegien, dem Stadtrecht aus. Im Falle Dorstens bewilligte am 1. Juni 1251 der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden den Einwohnern Dorstens bürgerliche Freiheit aus der vorherigen Abhängigkeit zum Stift Xanten. Er verband dieses Recht allerdings gleichzeitig mit dem ausdrücklichen Wunsch, die neu privilegierte Stadt zu befestigen.


Dieser Wunsch nach Befestigung spiegelt das mittelalterliche Streben nach punktueller Landesverteidigung wider, das noch ganz in der Denkweise des Personenverbandsstaates liegt. Waren es zuvor die Burgen und deren zumeist lehensabhängige Burgherren, sind es nun die freien Bürger, die aus ihrem eigenen Streben nach Schutz und Verteidigung das Territorium der Landesherren durch ihre Stadt als „Stadtburg“ schützen und unterstützen.

Über die genaue Gestalt der ersten Stadtbefestigungsanlagen, die nach einer späteren handschriftlichen Notiz in Dorsten um 1260 fertiggestellt wurden, ist nichts bekannt. Vergleichbare, ähnlich große Siedlungen waren zu dieser Zeit mit Holz- Erde-Befestigungen ausgestattet worden. Dabei wurde eine Kernsiedlung mit einer Palisadenwand auf einem Erdwall umgeben, die außen von einem Graben eingefasst war. Für Dorsten ist anzunehmen, dass die frühe Umwehrung nur einen kleineren Kernbereich der späteren Stadt im Bereich der zentralen Lippestraße umfasste. Für die Errichtung der Palisaden wurden große Mengen an Holz benötigt. Vor diesem Hintergrund wird erklärbar, dass die Klever Grafen mit ihrer Erlaubnis zur Befestigung Dorstens gleichzeitig aber betonen, dass in ihren Wäldern kein Holz dafür geschlagen werden dürfe.

Strategische Bedeutung hatte die Lage Dorstens nicht nur durch den weit älteren Lippeübergang, der das Essener Stift Werden mit seinen Besitztümern im Münsterländischen verband. Der Kölner Erzbischof hatte vor allem den Schutz seines als Exklave zwischen der Grafschaft Kleve, dem Fürstbistum Münster und der Grafschaft Mark gelegenen Vest Recklinghausen im Sinn.

Die territoriale Insellage bedingte, dass der Kölner Erzbischof bei der Privilegierung Dorstens Zugeständnisse gegenüber seinem Nachbarn, dem Grafen von Kleve, machen musste. Dieser bestätigte das Stadtrecht Dorstens nur unter der Bedingung, dass die Stadt im Falle militärischer Auseinandersetzungen zwischen Kleve und Kurköln neutral bliebe. Darauf berief sich Dietrich von Kleve 1301, als er in seiner Auseinandersetzung mit dem Kölner Erzbischof diese erste Dorstener Stadtbefestigung vernichtete. Doch schon 1306 bekam die Stadt Dorsten die Erlaubnis, sich wieder zu befestigen. In diesem Fall schaltete sich der deutsche Kaiser Albrecht selbst ein, der die anhaltenden Kriege im Niederrheingebiet zu befrieden suchte.

In der Folgezeit errichtete die Dorstener Bürgerschaft eine neue und – durch das rasch angewachsene Stadtgebiet – weit größere Befestigungsanlage. Diese blieb bis heute stadtbildprägend. Auch der neuzeitliche Ausbau im 30-jährigen Krieg ließ die mittelalterliche Anlage weitgehend unangetastet.

Aufbau und Funktion

Aus heutiger Sicht weist diese im Ursprung typische Stadtbefestigung des Spätmittelalters in Dorsten die Grundriss-Form eines sogenannten Rundlings auf. Ringförmig umgeben Stadtgraben, -wall und -mauer das im Laufe der Zeit immer dichter bebaute Stadtgebiet der heutigen Altstadt. Die ältere – 1301 zerstörte – Befestigung befand sich lediglich im zentralen Bereich der heutigen Lippestraße. Sie gab die leichte Streckung des Grundrisses der späteren Siedlung entlang dieser Achse vor.

Nach 1306 unterbrachen drei Stadttore den mittelalterlichen Mauerring, die auf die überregionalen Verkehrsverbindungen der Stadt verweisen.

Das Lippetor am Lippeübergang im Norden sowie das Essener Tor im Süden der Stadt boten eine Durchfahrt auf der Hauptachse der Stadt als Teil der Fernverbindung von Essen nach Münster. Das Recklinghäuser Tor im Osten verband über die heutige Marler Straße Dorsten mit Recklinghausen. Diese Verbindung ist vor allem von regionaler Bedeutung. Dorsten wie Recklinghausen übten die Funktion eines Verwaltungszentrums für das kurkölnische Vest aus.

Die Westseite der Stadt besaß keine Maueröffnung. Entlang dieser Stadtseite verlief jenseits des Schölzbachs nach Gahlen hin die Landesgrenze zwischen dem Erzbistum Köln und der Grafschaft, dem späteren Herzogtum Kleve. Wie durch den Überfall der Klever 1301 deutlich wird, hatte man diese Stadtseite gegen mögliche Übergriffe besonders zu schützen.

Ein vielbekannter Stich aus der Topographia Westphaliae des Matthäus Merian aus dem Jahre 1647 stellt eine Ansicht der Stadt Dorsten aus der Vogelschau dar. Über den Quellenwert dieser Darstellung lässt sich streiten. Ob sie die Stadt naturgetreu wiedergibt oder nicht: Sie ist die einzig erhaltene Quelle zum Aussehen der Stadt vor dem Ende des 18. Jahrhunderts.

Spätere Darstellungen bis hin zur Urkatasteraufnahme zu Beginn des 19. Jahrhunderts enthalten verschiedenste Um- und Anbauten, Schleifungen und Veränderungen an der Stadtmauer und deren Gebäuden.

Im Kern der bei Merian dargestellten neuzeitlichen Befestigung befindet sich der vollständige mittelalterliche Mauerring mit 20 Türmen in regelmäßigen Abständen und drei Toren im Zustand zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Diese Ansicht lässt, wenn auch topographisch nicht exakt, erkennen, dass im Zentrum der neuen Befestigung die mittelalterliche Anlage weitgehend erhalten geblieben war. Von den ursprünglich bei kölnischen Festungsanlagen üblichen hohen mehretagigen Rundtürmen bestanden zu diesem Zeitpunkt noch zehn. Davon befanden sich alleine sieben auf der Westseite der Stadt zur Landesgrenze hin. Rechteckige und halbrunde Türme, die auf spätere Ergänzungen schließen lassen, finden sich in unregelmäßiger Anordnung auf der Ostseite der Stadt. Sie verdeutlichen das Bemühen der Bürgerschaft, ihre Stadt trotz verschiedener Kriegszerstörungen immer wieder aufs neue zu schützen und den Schutz gegebenenfalls an neuere Wehrtechniken anzupassen. Eine Ausnahme bildete der sechseckige Turm im Nordwesten am heutigen Westgraben, der neben einem runden Turmstumpf (heute Ehrenmal) und einem halbrunden Turmstumpf in einem Privatgarten im Verlauf des Westgrabens die einzigen erhaltenen Turmbauwerke der Stadtmauer darstellen. Reste der Stadtmauer und einige vorgelagerte Stützelemente befinden sich gut versteckt in den Grünanlagen entlang des Westwalls.

Stadttore

Die auf dem Merianstich dargestellten Torbauten weisen untereinander große Ähnlichkeiten auf. Sie bestanden aus einem rechteckigen Torturm mit zentraler Durchfahrt im Fuß des Turms. Lediglich das Recklinghäuser Tor ist dort mit zwei Geschossen über der Tordurchfahrt höher dargestellt als die übrigen. Essener Tor und Lippetor weisen dort nur ein Geschoss auf.

Vor dem Essener Tor ist auf dem vorgelagerten neuzeitlichen Wall ein weiteres Tor dargestellt. Zu dieser Zeit besaß es innerhalb der neuzeitlichen Anlage keine Funktion mehr. So ist davon auszugehen, dass es sich dabei um den feldseitigen Rest einer spätmittelalterlichen Zwingertoranlage vor dem Tor handelt. In dieser Darstellung fehlen die Seitenwände des Zwingers, welche den ursprünglich gemauerten Übergang über den Stadtgraben, der das Haupttor mit dem Vortor verband, begleiteten und einengten.

Dieses feldseitige Zwingertor besteht bei Merian noch aus einem zentralen einfachen Mauertor, das rechts und links von einem innen vermauerten anderthalbgeschossigen Halbschalenturm und einem einfachen rechteckigen, leicht niedrigeren Turmhaus flankiert wird. Vergleichbare, wie eine eigene Torburg angelegte Torbauten finden sich in zahlreicher Form unter den im 15. Jahrhundert erweiterten Befestigungen des Niederrheins und Westfalens. Ein deutliches Indiz für die frühere Gestalt dieses Tors gibt auch der Familienname einer Familie, die in diesem Bereich zwischen Essener Tor und der südlich gelegenen Wassermühle Besitzungen hatte. Sie wird schon in frühen Stadtrechnungen „Vorwerk“ genannt. Eine durchaus übliche Bezeichnung für eine Zwingertoranlage.

Durch den umfangreichen Ausbau der Wall-Graben-Anlage vor dem Recklinghäuser Tor und dem Lippetor im 17. Jahrhundert sind die Zwinger bereits vor Merians Darstellung nicht mehr vorhanden. Darüber hinaus besaß das Lippetor eine ganz eigene Bedeutung. Die Stadtrechnungen machen dies wiederholt deutlich. Ein Torwärter dieses Tors bekam eine höhere Entlohnung als seine Kollegen an den anderen Toren. So ist auch dort vor der Errichtung der aufwändigen Brückenkopffestung durch die Hessen an dieser Stadtseite eine größere Toranlage anzunehmen, die an die Lippebrücke anschloss.

Im Gegensatz zu anderen Städten fällt auf, dass die Darstellung Merians die Dorstener Tore ohne Dach zeigt. Steile Walmdächer sind jedoch zeitgemäßer Bestandteil vergleichbarer mittelalterlicher Tore. In diesem Fall ist anzunehmen, dass die Dächer zugunsten erhöhter Verteidigungsplattformen für leichte bis mittlere Festungsgeschütze im Dreißigjährigen Krieg abgetragen wurden.

Türme


Die erwähnten drei Grundrissformen der mittelalterlichen Türme deuten auf unterschiedliche Entstehungszeiten hin. Je nach Waffentechnik veränderte sich die Funktionsweise und damit die Form der Türme auf der Stadtmauer, bis sie in ihrer Funktion endgültig durch weit vorgelagerte Bastionen abgelöst wurden.

Der in Dorsten häufige mehretagige Rundturm hatte ursprünglich zwei Funktionen. Er diente als punktuelle Verteidigungsanlage an einer Stadtmauer ohne Wehrgang, und er konnte zusätzlich als Fliehturm den Schutz der Verteidiger, Stadteinwohner oder schützenswerter Güter übernehmen. Rechteckige Türme sind in Dorsten in so unterschiedlichen Formen vertreten, dass es sich dabei vermutlich um spätere Ergänzungen oder Neuerrichtungen nach der Zerstörung vorhandener Türme handelt. Sie sind nicht mehr einheitlich ausgeführt und entsprechen so den finanziellen und technischen Möglichkeiten einer Frühneuzeitlichen Stadt, die nach Zerstörungen schnell strategische Verteidigungspositionen ersetzen musste.


Die jüngste Ausbauform der Dorstener Stadttürme stellen die Halbschalentürme am nördlichen Ostgraben dar. Sie gehören zu einer einfachen und möglicherweise frühen Form der Schießtürme, die für Feuerwaffen wie der Hakenbüchse oder Arkebuse entwickelt wurden. Durch drei Schießschachten, zwei entlang der Mauern und eine auf das Vorfeld ausgerichtet, konnte dort mit tragbaren leichten Festungsgeschützen, überdimensionalen Vorderladergewehren mit einem Haken zum Einhängen in ein Widerlager im Gemäuer, verteidigt werden.

Was bleibt?

Die vielgelobte Umgestaltung des Dorstener Ost- und Südwalls mit Grünanlagen und Wasserflächen im Bereich der ehemaligen Wall-Grabenanlage verdeutlicht, die mittelalterlichen Strukturen der Befestigungsanlage haben überdauert.

Auch wenn durch systematische Schleifung im 18. Jahrhundert und Zerstörungen im 2. Weltkrieg vom aufgehenden Mauerwerk der mittelalterlichen Stadtbefestigung nur wenige Überreste erhalten sind, so ist jedoch bis heute deren Grundform des Altstadtkerns Dorstens durch ihre ehemalige Befestigungsanlage geprägt.

René Franken


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Daten und Fakten

Eröffnung - 13. März 2013

Adresse - Turmruine, Westwall

Geodaten - N051°39'33" / E006°57'45"




Die Geschichtstafel vor dem "stupen Torn"


Dorsten. Der Bürgermeister hatte gestern Nachmittag trotz klirrender Kälte die Lacher auf seiner Seite. Als Lambert Lütkenhorst die nunmehr 37. Geschichtsstation in Dorsten eröffnete, gab er zu, mittlerweile wegen dieser stattlichen Anzahl den Überblick verloren zu haben.

„Ich habe mich noch kurz vor meiner Ansprache informiert, wie viele es denn jetzt genau sind,“ sagte Lütkenhorst, waltete dann seines Amtes und übergab mit einer kurzen Ansprache offiziell die Geschichtsstation mit Namen „Stadtbefestigung“ vor der Turmruine am Westwall an den Verein für Orts- und Heimatkunde. Dieser hat die Stele vor der Ruine anlässlich seines 125-jährigen Bestehens, das er derzeit begeht, aus eigener Tasche finanziert.

Die Turmruine ist ein Fragment der alten Stadtmauer, das Jahrzehnte von Efeu überwuchert und offenbar gänzlich aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden war. Der in seinen Grundmauern 700 Jahre alte Mauerrest lenkt den Blick auf ein Kapitel Stadtgeschichte, das noch nicht gänzlich erforscht ist.

Der Turm hat vielleicht noch viel zu erzählen über die frühere Befestigung, die Zuschnitt und Grundstücke der Stadt bis heute deutlich prägt. „Einen hohlen Zahn“ nannte denn auch Rene Franken das Gebilde, das er mit seiner Geschichts-AG am Petrinum in den Tagen vor der jetzt erfolgten Übergabe vorbereitet hatte. Die Reste des Turms aus Sandstein stehen zwischen Westgraben und Westwall. Aus grauem Sandsteinbruch aufgemauert, oben mit Ziegeln verstärkt, seit einem Bombentreffer während des Zweiten Weltkriegs etwas geneigt. Auf einem Foto aus den 1920er Jahren steht dieser schiefe Turm von Dorsten jedenfalls noch gerade.

Das Bollwerk nahm vermutlich eine besondere Stellung unter den 20 Türmen (drei davon mächtige Tore) in der alten Stadtmauer ein. Nur dieser hatte sechs Ecken, wie auf einem Merian-Kupferstich zu sehen ist. Zwei Ecken stehen noch. Aber warum ursprünglich sechs Ecken? Das weiß man nicht. Nur so viel: Im Innenhafen der Stadt Duisburg hat es auch einmal ein sechseckiges Exemplar gegeben.

Jochem Paus

Im Alten Rathaus konnten sich die Gäste nach der Eröffnung bei einer Tasse Kaffee und Gebäck aufwärmen. Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte am Petrinum unter Leitung von René Franken stellte die Daten und Fakten aus dieser Zeit zusammen und wählte die Bilder dazu aus. René Franken ist Historiker und Vorstandsmitglieds des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten e.V. Er hat in einer Folgeveranstaltung um 19.00 Uhr im Alten Rathaus über die Stadtbefestigungsanlagen in Dorsten referieren.