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Stöbern in der Vergangenheit

Neu aufgelegte Chronik öffnet Fenster in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts (von Michael Klein DZ - 10.06.2017)

Einen anschaulichen Blick in das Dorsten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubt ein Werk, das der Verein für Orts- und Heimatkunde mit dem Dorstener Stadtarchiv jetzt veröffentlicht hat: die „Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten“, lange Zeit lediglich in Form von zwei Original-Kladden im städtischen Archiv schlummernd und nun von Guido Heinzmann, Christa Setzer, Heinz-Dieter Steven und Josef Ulfkotte in mehrjähriger Arbeit dankenswerter in Buchform übetragen worden. 256 Seiten stark, ein wichtiger Mosaikstein der hiesigen Geschichtsforschung. Wer sich hierin vertieft, dem öffnet sich der längst vergangene Alltag, dem sich damals kaum mehr als 3000 Dorstener, fast alle katholischen Glaubens, stellen mussten.

Die Chronik ist kein von Historikern verfasstes Sachbuch. Sondern versammelt die Original-Aufzeichnungen, die die damaligen Dorstener Bürgermeister Gahlen und Luck niedergeschrieben haben. Denn nachdem das Vest und die Stadt Dorsten 1815 an Preußen fielen, forderte die

Königliche Regierung zu Münster die Bürgermeister ihres Regierungsbezirks auf, „vaterländische Chroniken“ zu führen. In seiner Amtszeit hatte Bürgermeister Bernhard Gahlen aber vorher schon Materialien gesammelt, sie fanden ebenfalls in der Neuausgabe Platz.

In diesen Jahresrückblicken schrieben die Bürgermeister nieder, was für Dorsten erwähnenswert war: Eheschließungen, Geburten, Todesfälle, städtische Einnahmen und Schulden, Statistiken also. Aber auch das gesellschaftliche Leben bildeten sie ab: 1822 etwa wurden in Dorsten von „einer selbst formirten Liebhaber Gesellschaft sechs theatralische Vorstellungen“ gegeben, zudem wurden „mechanische und exquilibristische Künste“ gezeigt. Den

Dorstener Schulen, die damals im weiten Umkreis einen guten Ruf hatten, werden viele Seiten gewidmet. Und nicht vergessen wurde in jedem Jahr, detailliert über die jeweiligen tödlichen Unglücksfälle zu berichten. Im Winter 1822 stürzte etwa ein Müllerknecht beim Loshauen des Eises von einem Mühlenrad hinunter, 1830 berichtet Bürgermeister Franz Luck, dass „ein Knabe von 14 Jahren in das Räderwerk einer Wollspinnerei gerieth und augenblicklich zerschmettert wurde“.

Beim Durchforsten der Seiten wird deutlich (und darauf weist auch Bürgermeister Tobias Stockhoff in seinem Vorwort hin), dass es so manche Parallelen mit der Neuzeit gibt. So wurde 1824 erstmals in Dorsten eine Hundesteuer erhoben, sie brachte 52 Reichsthaler und 20 Silbergroschen ein. Und auch marode Brücken und die Dauer ihrer Reparatur waren auch schon vor 200 Jahren ein Thema: „Das Hangwerk der Lippbrükke wurde so schadhaft, daß eine schleunige Auflegung von acht Bodenbalken zum Tragen der Fahrbahn notwendig ward. Der Neubau der Brükke mußte bis in das Jahr 1827 verschoben werden.“

Für den Geschichtsunterricht an den Dorstener Schulen könnte die neu aufgelegte Chronik eine willkommene Quelle werden, denn die Bürgermeister betteten damals ihre Beobachtungen in größere Zusammenhänge ein. So schrieb Bürgermeister Luck 1831 von einer „dumpfen Spannung“ in der Stadt als Folge der „französischen July-Revolution“ und von dem „nachtheilgsten Einfluß auf Handel und Gewerbe“, den die damalige Loslösung Belgiens von Holland auslöste. Und welchen schlimmen Einfluss eine „globale Klimakatastrophe auf das westfälische Ackerbaustädtchen Dorsten ausübte“ (so Kreisarchivar Dr. Matthias Kordes bei der Buchvorstellung am Donnerstag im Alten Rathaus), das machen die Aufzeichnungen für das Jahr 1816 deutlich. Denn der „anhaltend kalte Regen, welcher den ganzen Sommer andauerte“ und die gesamte Ernte unbrauchbar machte, war die Folge eines immensen Vulkansausbruchs in Indonesien – doch diese meteorologischen Zusammenhänge konnte Bürgermeister Luck damals noch nicht einordnen.

Dass auf dem Buch-Cover nicht nur die Dorstener Urkarte (Foto) von 1823, sondern auch die von Polsum, Alt-Marl und Marl-Hamm abgebildet sind, hat einen bestimmten Grund: Da die Regierung die Zuständigkeit des Bürgermeisters und des Kirchspiels Dorsten auf diese drei damaligen Landgemeinden ausdehnte, musste er seitdem auch diese Gemeinden in seiner Chronik berücksichtigen, die bis 1841 geführt wurde.

Michael Klein

Wer gerne von der „guten alten Zeit“ schwärmt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt – denn der Leser wird hier schnell kuriert. Denn damals, vor rund 200 Jahren, hätte unsereins wohl lieber nicht in Dorsten leben wollen: Plündernde Soldaten quartierten sich in die Häuser ein, ein Drittel aller Kinder starb vor dem Erreichen des zweiten Lebensjahres, die Menschen in der Lippestadt hatten ständig Angst vor grassierenden Epidemien wie Faulfieber oder Cholera. Und wenn das Wetter Kapriolen schlug, drohten Missernten, drohte womöglich Hungersnot.

Chronik und „Kleiner Schluck“

Das Buch „Chronik der Stadt und Bürgermeisterei Dorsten“ ist im Verlag für Regionalgeschichte (Bielfeld 2017) erschienen, ISBN 978-7395-1007-2), Preis: 24 Euro.

Es ist erhältlich im örtlichen inhabergeführten Buchhandel, im Stadtarchiv Dorsten, in der Stadtinfo an der Recklinghäuser 20 und der Volksbank am Südwall und in deren Online-Shop: www.volksbank-dorsten.de

Antwort: Die Drucklegung wurde vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der Volksbank Dorsten und dem Lions-Club Dorsten-Hanse unterstützt.

Anlässlich der Veröffentlichung hat der Verein für Orts- und Heimatkunde drei unterschiedliche Erzeugnisse aus der Kornbrennerei Böckenhoff aufgelegt – unter anderem den „Dorstener Lebensgeist – der kleine Schluck von Bürgermeister Luck“ (alle für 15 Euro pro Flasche erhältlich in der Stadtinfo).

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